Der Krebs und Ich.

Bisher kannte ich Krebs nur vom Hörensagen, aus dem Fernsehen, dem Internet. Aber selber? Unvorstellbar. Und doch möglich. Plötzlich, unerwartet. Ohne jegliche Vorwarnung? Oder war da was? Diese Schluckbeschwerden? Einfach eine Erkältung? Krebs? Niemals!
Und dann ein obligatorischer Arzttermin. Wie jedes Vierteljahr. Ein Lymphknoten am Hals angeschwollen? „Derb“ sagt der Arzt. Sofortige Überweisung zum Hals-Nasen-Ohrenarzt. Noch am selben Tag. Diagnose: Tumor! Ein Wort, ein Schock! Eine Welt bricht zusammen. Durch ein einziges Wort. Ich bekomme eine Infusion, damit ich wieder auf die Beine komme. Oben ist unten, unten ist oben, nichts ist mehr wie vorher!
Überweisung in die Straubinger Klinik. Erst einmal zur genaueren Untersuchung. 3 Tage Aufenthalt. Entlassung. Scheinbar endloses Warten auf einen OP-Termin. Aber die Wartezeiten sind enorm, da es so viele Patienten gibt. Nach 4 Wochen ist es soweit. Um 9 Uhr früh in den Operationsraum geschoben. Das ist alles so unwirklich. Aufwachen auf der Intensivstation in einem abgedunkelten Raum mit Blick auf eine große Uhr. Ist es 3 Uhr nachmittags oder 3 Uhr nachts? Als es hell wird im Zimmer wird mir klar: es war 3 Uhr nachts, als ich wieder (gottseidank) aufgewacht bin. Nach 18 Stunden hat man mich langsam aufwachen lassen. Ein Trauma, das mich bis heute nicht los lässt.

Durch die Nase führt ein Schlauch in den Magen, da ich vorerst nicht essen und trinken kann. Andere Schläuche führen direkt in die Adern. Antibiotika, Schmerzmittel, Infusionen. Kein schöner Anblick für die nächsten 11 Tage. Essen und trinken geht nicht. Das Schlucken fällt schwer. Der Ernährungsschlauch durch die Nase in den Magen ist sehr unangenehm, gelinde ausgedrückt. An Schlaf in der Nacht ist auch nicht zu denken. Ohne Schmerzmittel als Transfusion geht nichts. Am besten helfen mir 1000mg Infusionslösung Paracetamol. Ich werde direkt süchtig danach. So döse ich den ganzen Tag mehr oder weniger vor mich hin. In der Frühe um 7 Uhr ist Visite im Sprechzimmer beim zuständigen Arzt. Bei den „bunten Stühlen“, wie es heißt. Inzwischen sind es weiße Bänke. Solche Kleinigkeiten muntern ein wenig auf. Notwendige Blutdrucktabletten werden zermörsert und über den Ernährungsschlauch zugeführt, denn Schlucken geht immer noch nicht. Und damit auch nicht essen und trinken.
Die Sehnsucht nach einem Glas Wasser wird jeden Tag größer. Das Essen wird umgestellt auf Brei. Daran nippe ich immer ein bisschen. Resultat: ich nehme rasant ab. Inzwischen habe ich fast 10 kg weniger Gewicht seit meiner Diagnose. So war das Abnehmen aber nicht geplant. Ich bin froh, dass ich in einem Zweibettzimmer liege. Alleine würde mich die Panik erfassen. Ich kann zwar nicht viel reden und mein Bettnachbar auch nicht. Aber wir verständigen uns mehr oder weniger durch Zeichen, Zunicken und ab und zu mit einem netten Wort. Gut, dass meine Partnerin jeden Tag schon am Vormittag kommt und mich aufmuntert. Ohne Sie hätte ich die Tage in der Klinik nicht überstanden. Wir gehen die Gänge auf und ab, in den Eingangsbereich der Klinik, wo das Klavier steht, auf dem Hans-Jürgen Buchner, bekannt als „Haindling“ sein eigens komponiertes Musikstück für die Klinik gespielt hat. Ich freue mich, dass ich in der Klinik Straubing untergekommen bin und dort von einem der besten Ärzteteams operiert wurde und weiterhin betreut werde. Ihnen allen, auch dem herzlichen Pflegepersonal gehört mein großer Dank!

Und darum gehe ich jetzt mit „meinem“ Krebs an die Öffentlichkeit: Vielleicht hilft es anderen, einen Krebs frühzeitig zu entdecken. Rechtzeitig zum Arzt zu gehen. Vielleicht kann ich auch anderen mit dem erlebten Mut geben, Tipps und Hilfestellung. Denn wir sind viele. Und wir brauchen einander.

Endlich zu Hause. Im eigenen Bett. Essen und Trinken fällt immer noch schwer, aber mit einigen Tricks klappt es jeden Tag besser. Ich esse überwiegend Kichererbsenbrei (Humus) mit Rührei oder Apfelmus auf Joghurt. Und lutsche den ganzen Tag das selbst produzierte Eis in großen Mengen: Himbeersirup in ein Eisförmchen eingefüllt, über Nacht ins Gefrierfach und am nächsten Tag gibt es leckeres Fruchteis. Das kühlt herrlich den Hals und löscht den Durst. Waldmeister schmeckt auch lecker.

Warum schreibe ich das alles? Vielleicht hilft es mir, das Erlebte, Erlittene und das Kommende durch Niederschreiben meiner Gedanken und das Malen von Gemälden besser zu verarbeiten? Denn jetzt beginnen die Bestrahlungen. Sicherheitshalber wurde ein sogenanntes PEG in den Bauch eingesetzt, operiert, um die Ernährung sicher zu stellen. Wieder nicht essen, wieder nicht trinken, was noch schlimmer ist?

Vor der ersten Bestrahlung am Hals wurde eine sogenannte „Maske“ auf Kopf und Schulter angepasst. Ein nettes Wort für ein echtes „Martyrium“. Etwas großes feuchtes Warmes wird über Kopf, Hals und Schultern gestülpt und festgezurrt. Diese Procedure hat mich doch geschockt. Beinahe wäre ich in Panik geraten, weil ich keine oder nur wenig Luft bekam. Aber es geht vorbei und ist auch notwendig. Die erste Bestrahlung dauerte etwa 15 Minuten: Anpassen der Maske, festzurren. überprüfen, Markierungen anbringen, Fotos. Es helfen mir Atemübungen und autogenes Training, um diese quälenden Minuten zu überstehen. Die nächsten Bestrahlungen sollen kürzer sein. Ich hoffe es.
Die nächste Bestrahlung war kürzer, geschätzte 5 – 10 Minuten. Fest verschnürt unter der Maske dennoch, sagen wir mal, unangenehm, denn das Schlucken fällt schwer und die starre Kopf- und Körperhaltung auf der Liege ist nichts für schwache Nerven. Mir hilft, wie oft in solchen Fällen der Anspannung, das Aufsagen von so Sätzen wie „Ich atme, er atmet, usw.“ oder „Mein Körper wird locker und schwer, meine Schultern sind ganz entspannt“. Trotzdem bin ich froh, wenn ich den Satz der netten jungen Frau höre „Geschafft!“. Eine Erlösung. Noch habe ich 26 Bestrahlungen vor mir…
Vielleicht kennt der eine oder andere den Film „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“. Der Roman ist von Andy Weir und ist spannend zu lesen und sehr empfehlenswert. Die Hauptperson im Film spielt eindrucksvoll Matt Damon. Er wird nach einem Unwetter auf dem Mars alleine zurückgelassen, da die Crew davon ausgeht, dass er bei einem Unfall während des Unwetters ums Leben gekommen ist. Warum erzähle ich von diesem spannenden Film? Für mich ist vom Film oder dem noch besseren Buch geblieben: Niemals aufgeben, auch wenn die Situation noch so prekär ist, ein Überleben fast nicht möglich ist und ganz wichtig: immer „Schritt um Schritt“ „weiter gehen: „Step by step“. Jeden Tag ein bisschen weiter.
P.S. Der Marsianer bzw. im Film Matt Damon hat es geschafft zu überleben und auf die Erde zurückzukehren. Mein Held!
Morgen ist wieder so ein Schritt nach vorne. Auch wenn er quält. Die nächste Bestrahlung steht an und dann die nächste…Es wird langsam Routine. Die Angst vor Schluckbeschwerden oder Schmerzen im Hals werden allerdings größer. Nach 2 Wochen soll es damit anfangen? Ich hoffe nicht und gurgle so oft wie möglich Salbeitee und mache Übungen gegen Schluckschwierigkeiten. Bei youtube gibt es zahlreiche Übungen zum nachmachen.

Der erste Eindruck vor dem Spiegel im Straubinger Krankenhaus. Oweih!

So schnell magert ein Mensch also ab, wenn er nicht richtig essen und trinken kann. Ich kann es nicht fassen. Am Hals links und rechts zwei dicke Verbände, die täglich gewechselt werden. Wenigstens sind die beiden Schläuche entfernt. Durch das rechte Nasenloch führt ein Schlauch in den Magen, um die Ernährung und das Trinken sicher zu stellen und um aufgelöste Medikamente zuzuführen. Ohne Wasser geht nichts. Essen fehlt mir weniger.

Das PEG bzw. der Schlauch direkt in den Bauch, um eventuell auftretende Probleme bei der Bestrahlung zu umgehen, war nur in der ersten Woche ein Problem. Es schmerzte bei jeder Bewegung und das Aufsetzen nach dem Liegen wurde zur Qual. Aber nach einer Woche und täglichem Verbandswechsel, bei dem ein örtlicher Pflegedienst unterstützend half, war der Schmerz weg und inzwischen habe ich mich daran „gewöhnt“, ein Loch im Bauch zu haben, aus dem ein dünner Schlauch heraus ragt. Der Mensch ist wirklich ein „Gewohnheitstier“.

Inzwischen habe ich die ersten 10 Bestrahlungen hinter mir. Daran gewöhnt habe ich mich allerdings noch nicht und es stehen noch 20 Bestrahlungen aus. Aber das Wochenende ist eine neue wunderbare Erfahrung. Zwei Tage ohne Bestrahlung, zwei Tage ohne diese enge Maske über dem Kopf, die insbesondere das ohnehin schwierige Schlucken erschwert. 10 Minuten durchhalten, eine Geschichte ausdenken, dahinschweben und dann heißt es wieder: geschafft! Und die Maske wird entfernt! Eine Erlösung!